Trend Conncected Cars: Mit Vollgas in die digitale Revolution

Gerhard Schröder hat es schon vor 15 Jahren gewusst: Autos sind für Deutschland nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch entscheidender Technologieträger. Er war davon überzeugt, dass insbesondere die Elektronik sich enorm weiterentwickeln und zur Plattform für eine erfolgreiche Zukunft werden würde (Spiegel, 36/15). Schröder hat mit seiner Prognose Recht behalten. Schon heute übernimmt Software immer mehr Funktionen: von der Motorsteuerung über Schaltimpulse bis hin zu hochentwickelten Assistenzsystemen. Die Industrie ist überzeugt, dass das erst der Anfang ist. „In den kommenden Jahren wird die Digitalisierung massiv an Dynamik gewinnen“, prognostiziert VW-Chef Martin Winterkorn. „Heute liegt der Wertschöpfungsanteil der Elektronik am Auto bei rund 30 Prozent. Im Jahr 2020 werden es bereits 50 Prozent sein. Und allein in den kommenden fünf Jahren könnten in Europa rund 90 Millionen ‚Connected Cars‘ verkauft werden. Es ist also auch in Sachen Automobil nicht zu hoch gegriffen, von einer ‚digitalen Revolution‘ zu sprechen.“

Eine Vision wird Realität

Die Vision vom „Connected Car“, vom Automobil, das sich über das Internet permanent mit anderen Autos, aber auch mit Informationen aus dem World Wide Web vernetzt, ist im Begriff Wirklichkeit zu werden. BMW-Vorstand Peter Schwarzenbauer sieht Parallelen zur Telekommunikationsbranche, die ihre digitale Revolution schon erfolgreich umgesetzt hat. „Wie sich das Telefon zum Smartphone entwickelt hat, wird das Auto jetzt zum Smartcar.“ So überrascht es auch nicht, dass das Smartphone beim Thema Connectivity im Auto eine zentrale Rolle spielt. Daran arbeiten nicht nur die Autohersteller, sondern auch Google und Apple: Mit Android Auto beziehungsweise Apple Car Play sollen iPhone, Galaxy & Co. künftig noch direkter in die Bordelektronik von Autos integriert werden können. Ab 2016 wird voraussichtlich Hersteller übergreifend kein neues Modell mehr ohne diese beiden Schnittstellen auf den Markt kommen.

Darüber hinaus entwickeln die deutschen Automarken eigene vernetzte Entertainment- und Service-Systeme. Und die sind schon heute kein Privileg der Oberklasse mehr: Der Online- und Service-Assistent „Opel On Star“ ist beispielsweise auch im neuen Astra verfügbar. „Opel On Star“ macht das Smartphone zum Autoschlüssel und zum Diagnosetool für Tank, Ölstand oder Reifendruck, durch die Internetanbindung kann die autoeigene Navigation noch schneller und präziser auf die aktuelle Verkehrslage reagieren und im Notfall ist Hilfe auf Knopfdruck verfügbar. Außerdem wirbt Opel damit, dass es im neuen Astra einen permanenten mobilen W-Lan-Zugang gibt, über den die Mitfahrer individuell Musik oder Filme streamen können. Ganz wie zuhause.

Eine Branche auf Autopilot

Doch das ist erst der Anfang. Google, Mercedes und andere arbeiten längst daran, die nächste Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Vernetzte Autos mit Autopilot. Schon 2016 könnten erste Systeme zugelassen werden, die im Stau den Wagen automatisch vorwärts bewegen. Ab 2025 könnte die Vernetzung so weit ausgereift sein, dass ein vollautomatisierter Autobahnverkehr denkbar wäre, bei dem der Autopilot das Fahrzeug bis zu Geschwindigkeiten von 130 Kilometern pro Stunde eigenständig steuert – inklusive Überhol-, Brems- oder Ausweichmanövern. Und selbst Autos ohne Fahrer scheinen heute kein unrealistisches Szenario mehr: Im Silicon Valley wird bereits intensiv daran geforscht und gearbeitet.

Entsprechend ist das Connected Car nur ein erster Schritt zur wahren automobilen Revolution. Automobilexperte Ferdinand Dudenhöfer vergleicht das Roboterauto mit der Pioniertat von Carl Benz und Gottlieb Daimler, deren Motorwagen die Kutsche ablöste. Für Dudenhöfer ist klar: „Es geht um das Neuerfinden der Mobilität, nicht mehr um das Neuerfinden des Autos.“

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