Special „Future Audio 2025“ | Stimmen aus der Audio-Branche: Bragi

Trends mit Musikstreaming und Podcasts werden sich verstärken

Wie nutzen wir Audio in fünf bis zehn Jahren? Welche Trends setzen sich durch – welche Angebote werden verschwinden? Für unser Special Future Audio 2025 haben wir bei Audio-Experten nachgefragt.

Lesen Sie hier das Interview mit  Friedrich Förstner, Head of Sensors, und Markus Holmberg, Head of Audiology der Bragi GmbH.

  • In die Zukunft gedacht: Wie wird die Audionutzung 2020/2025 aussehen?

    Friedrich Förstner: Als Kommunikationsmittel und Unterhaltungsmedium bleibt Audio weiterhin sehr wichtig, ebenso Musik als Statussymbol und für die eigene Profilbildung. Durch die verbreitete Nutzung von Streamingdiensten und einbettbaren Medien wird sich zudem das Teilen von Audioinhalten (Musik, eigene Aufnahmen, Mashups etc.) innerhalb von sozialen Netzwerken und Messengern weiter durchsetzen.
    Interaktion mit Technologie wird allgemein mehr Sinne ansprechen und vielschichtiger: Während visuelle Nutzerschnittstellen seit Jahrzehnten weiterentwickelt wurden, sind akustische Interaktionen erst in den letzten Jahren durch digitale Assistenten wie Siri und IBM Watson in den Fokus gerückt. In den kommenden Jahren werden wir neue Formen akustisch-augmentierter Benutzerschnittstellen sehen, die sich nahtlos in unseren Alltag einbetten werden.

    Markus Holmberg: Die Trends mit Musikstreaming und Podcasts werden sich verstärken. Kuration (automatisch, via Spezialisten und via Social Media) wird wichtiger werden, da viele die jetzt anfangen diese Medien zu benutzen nicht immer aktiv auswählen wollen. Zurzeit entwickeln sich hauptsächlich parallele Welten mit Musik (Spotify, Apple music, etc.) und gesprochenen Programmen (Podcasts, Hörbücher, Simulcasts). Im Radio ist es meistens eine Mischung. Vielleicht sehen wir im Jahr 2020 mehr eine Art persönliches Radio, das Podcasts, Musik und Bücher, die ich mag, mischt? In der Industrie werden wir wahrscheinlich Audio stärker im Einsatz sehen, beim Lernen oder der Supervision von neuen Aufgaben.

  • Welche technologischen Entwicklungen sind bestimmend für die Audionutzung 2020-2025?

    FF: Sensoren und Echtzeit-Verständnis von Umgebungs- und Gemütszuständen werden uns erlauben Medienerlebnisse besser anzupassen und fließende Übergänge zwischen ihnen zu gewährleisten. Die Kombination aus kostengünstiger Sensorik, vernetzten Wearables und lernfähigen Computersystemen wird hier ihren Eindruck hinterlassen.
    Fortschritt in der Automatisierung wird entscheidend von der Entwicklung natürlicherer Mensch-Maschine Schnittstellen wie u.a. Sprache abhängen. Autonome Fahrzeuge werden beginnen uns neue Freiräume zu eröffnen. Audioerlebnisse werden einen erheblichen Teil dieser neuen Freiheit füllen.

    MH: Mobiler Breitband Zugang – überall und zuverlässig, auch z. B. beim Zug- und Autofahren. Wearables und vor allem Hearables werden das Audiohören verändern. Augmented Reality für das Hören wird eine Schlüsseltechnologie darstellen und eine Menge Möglichkeiten in Bereichen wie audio-basiertes Lernen und Supervision eröffnen. Räumliches Hören wird eine große Rolle spielen, gerade bei der akustischen Untermauerung visuell getriebener, virtueller Realitäten sowie beim akustischen Abbilden komplexer Zusammenhänge.

  • Welche gesellschaftlichen Entwicklungen sehen Sie als prägend für die Audionutzung 2020/2025?

    FF: Die Professionalisierung und Kommerzialisierung von Podcasts und alternativen Audioformaten wird einigen Produktionen erlauben aus der Nische in den Massenmarkt vorzustoßen. Wearables betten sich fließender in unseren Alltag ein und werden gesellschaftlich akzeptiert, flächendeckende, etablierte Micropayment- und Freemiumangebote eröffnen übergreifende Finanzierungsmodelle im Internet und darüber hinaus. Die Transformation unserer Ausbildungssysteme und kontinuierliche Lernbedürfnisse werden neuartige didaktische Audioinhalte fordern und fördern.

    MH: Individualisierung – aber in einem sozialen Zusammenhang. Ich möchte meine „eigene“ Musik und Podcasts aussuchen. Gleichzeitig will ich dieselben Pods und Musik hören wie meine Freunde und darüber diskutieren.

  • Welche Vorteile wird das klassisches UKW-Radio im Jahr 2020/2025 bieten?

    FF: UKW Radios finden 2020 immer noch weite Verbreitung in den meisten Autos und skalieren technisch weiterhin besser als Internetangebote. Durch die etablierte Organisation der Sender bleibt Lokalität eine der größten Stärken des UKWs.

    MH: Es gibt immer noch den Vorteil, dass ich mich nicht kümmern muss – ich wähle eine Station aus, und kann dann einfach zuhören. Keine lästige Wahl mehr. Und es gibt ein Geschäftsmodel.

  • Welche Vorteile werden digitale Audioangebote 2020/2025 bieten?

    FF: Traditionelle Endgeräte wie Mobiltelefone und PCs werden 2020 zusammen mit neuen Wearables und Smart Home Lösungen den Zugang zu digitalen Audioangeboten deutlich vereinfachen. Personalisierte Angebote in Echtzeit und Medien- und Geräte-übergreifenden Audioerlebnisse werden dann ganz neue Formate ermöglichen. Nutzer werden einer tiefergehenden Analyse ihrer persönlichen Daten nur dann zustimmen, wenn die Individualisierung der Services merklich auf Komfort, Qualität und/oder Preis Einfluss hat. Dann ergeben sich jedoch völlig neue Möglichkeiten für Up- und Cross-Sale Angebote.

    MH: Ein auf mich und meine Situation und Stimmungslage abgestimmte Angebot. Eine viel größere Auswahl, und vor allem was ich hören will, wenn es mich passt.

  • Welche Bedeutung schreiben Sie erweiterten Audiofunktion von Wearables für den Bereich Personal Assistance zu?

    FF: Wir nutzen seit Dekaden Tastaturen, um mit Technologie zu interagieren. Sie werden vermutlich auch im kommenden Jahrzehnt nicht vollständig verschwinden. Neue, kleinere Formfaktoren und eine tiefere Durchdringung von Technologie in den Alltag zwingen uns nun jedoch, neue Interaktionsmodelle zu erproben. Interaktion durch natürliche Sprache ist sicherlich eine der sinnvollsten Schnittstellen für viele Anwendungsfälle. Komplexe Sprache bedarf jedoch sehr viel Kontext- und Kulturverständnis und kleine Fehler bei der Interpretation können bereits einen großen Vertrauensverlust bedeuten (siehe auch Uncanny Valley). Die Erwartungen sind hier sehr hoch und viele Konzepte werden sich vermutlich erst kommerzialisieren lassen, sobald Sensorik, KI, Sprachverständnis und Synthese gewisse Hürden übersprungen haben.
    Verglichen mit etablierten Computern wie PCs und Smartphones sind neue Wearables funktionell meist eingeschränkt, versprechen jedoch eine allgegenwärtige Verfügbarkeit, teilweise gar Verschmelzung mit dem Nutzer. Verglichen mit visuellen Inhalten lassen sich Audioinhalte in diesem Zusammenhang viel persönlicher und unaufdringlicher konsumieren, auch in der Öffentlichkeit. Asymmetrisch dazu verhält es sich jedoch mit der Eingabe durch Sprache. Für die Zukunft sehen wir daher eine sehr viel differenziertere, kontextabhängige Interaktion mit Technologie – in der Audio eine signifikante Rolle spielt.

    MH: Sehr sehr große. Wir haben nur den ersten Anfang gesehen. Das Hören und Sprechen hat viele Vorteile gegenüber Bildschirmen wie natürlichere Interaktion und flache Hierarchien von Instruktionen. (Natürlich gibt es auch Nachteile, wie zum Beispiel bei Interaktion großer Datenmengen oder einer Vielfalt von Wahlmöglichkeiten.) 2020/25 werden wir digitale, persönliche Assistenten nicht nur nutzen, wenn wir einen Helpdesk anrufen, sondern viel öfter als einen integrierten Teil in Apps, Geräten und Services antreffen.

  • Wie sehen Sie das Potenzial von Audiowerbung für die zukünftige Vermarktung ihrer Produkte – auch vor dem Hintergrund der wachsenden Informationsflut und begrenzter Informationsaufnahme- und Verarbeitungskapazitäten beim Konsumenten?

    FF: Reduktion und Vertiefung sind hier sicherlich die Stichworte. Für uns ist intelligentere und besser personalisierte Werbung ein Weg. Derzeitiges Konsumentenverhalten zeigt weiterhin den Wunsch nach Freemium-Modellen. Jedoch nimmt in vielen Gesellschaften das Vertrauen in datenbasierte Geschäftsmodelle ab. Beim Ausrollen werbebasierter Services bedarf es daher eines klaren Nutzungsversprechens und deutlich höhere Transparenz als wir sie heute sehen. Reduktion und Vertiefung kann ebenfalls durch Personen des Vertrauens wie gefolgten Podcastern, Musikern und anerkannten Experten innerhalb der Internet Communities erfolgen.

    MH: Bei vielen digitalen Angeboten fehlen heute oft gute Geschäftsmodelle. Da werden wir weitere Experimente sehen. Für Werber fehlt immer noch das direkte Feedback vom Kunden, wie ihre Werbung aufgenommen wurde. Streaming-Dienste, Wearables und Personal Assistent können das potentiell ändern, da sie direktes Feedback ermöglichen. Dann werden wir eine ganz andere Art von Audiowerbung (mit Feedback) bekommen.

Friedrich Förstner (li), Markus Holmberg

Friedrich Förstner (li), Markus Holmberg

Head of Sensors und Head of Audiology, Bragi

Audionutzung 2025 – Experten privat!

Herr Förstner…

  • Aktuell höre ich Audio am liebsten...

    • Podcast und Audiobücher zum Einschlafen, ich versuche Displays am Abend zu vermeiden, um meinen Schlaf zu verbessern
    • Podcast in der U-Bahn und beim Reisen
    • Podcast (z.B. japanisch) zum aktiven Lernen
    • Musik immer dann, wenn ich meine Stimmung und Motivation beeinflussen möchte z.B. beim Laufen, Stress
  • 2020 höre ich Audio voraussichtlich am liebsten...

    • Sehr ähnlich, ich hoffe aber häufiger als heute und als Alternative zum visuellen Input
    • Vielleicht auch eher bei Städtereisen, die mir Navigation und Information augmentieren
  • Aktuell höre ich Audio am meisten...

    iPhone und Dash (Hearable)

  • 2020 höre ich Audio voraussichtlich am meisten...

    Dash (Hearable)

  • Meine letzte CD/Schallplatte die ich gekauft habe...

    Eigener Kauf ist schon zu lange her, aber die letzte Schallplatte, die ich geschenkt bekommen habe, war vor rund fünf Jahren von den „Funky Fräuleins“.

  • Hören Sie fokussiert oder eher nebenbei?

    Musik, meist nebenbei. Podcasts wechselnd.

Audionutzung 2025 – Experten privat!

Herr Holmberg…

  • Aktuell höre ich Audio am liebsten...

    • Podcasts beim Einschlafen (weil ich dadurch entspannen kann)
    • Podcasts, wenn ich hin und zurück zu Arbeit gehe (weil ich was Witziges hören möchte, oder vielleicht etwas lernen kann)
    • Live Online-Radio für Fußball (weil ich gleichzeitig kochen kann)
    • Musik (streamed) bei gewissen Typen von Arbeitsaufgaben, weil ich mich dann besser konzentrieren kann
    • Livemusik (Konzerte) wenn ich die Möglichkeit habe
    • UKW oder Hörbuch, wenn ich Auto fahre
    • Podcasts oder Musik beim Laufen, weil es sonst allzu langweilig ist…
  • 2020 höre ich Audio voraussichtlich am liebsten...

    Die Situationen werden dieselben sein.

    Persönlich werde ich 2020 noch weniger UHF anhören. Ich will aussuchen, was gerne höre – und nicht auf feste Programzeiten angewiesen sein. Hoffentlich werde ich Audio als eine Art vom Lernen stärker einsetzen, im Beruf aber vor allem Privat.

  • Aktuell höre ich Audio am meisten...

    iPhone oder iPad, entweder über Kopfhörer/Hearbable oder HiFi-System.

  • 2020 höre ich Audio voraussichtlich am meisten...

    Wearable/Hearable unterwegs, HiFi-Anlage mit Streaming zu Hause.

  • Meine letzte CD/Schallplatte die ich gekauft habe...

    Bobo Stenson Trio im Herbst 2014.

  • Hören Sie fokussiert oder eher nebenbei?

    Öfter eher nebenbei – vor allem Musik.

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