Die (un)vollständige Geschichte der Audiogeräte

Seit Anbeginn der Menschheit – sprich seit rund zwei Millionen Jahren – begleiten Klänge die Menschen. Manche davon sind natürlich wie das Rauschen eines Baches, das Donnergrollen bei Gewitter oder die melodische Vogelstimme früh am Morgen. Einige künden von Gefahr, andere erfreuen das Ohr mit einer ganz eigenen Harmonie und Melodie. Diese Wohlklänge bestimmen die Geschichte der Audiogeräte, die eng verwoben ist mit der Geschichte der Musik, des gesprochenen Wortes und der Technik. Springen wir also etwas durch die Geschichte und skizzieren in Momentaufnahmen die wichtigsten Stationen der Apparaturen des auditiven Vergnügens.

Teil 1

Klang ist nicht gleich Klang

Neben der menschlichen Stimme setzten die ersten Instrumente einen Kontrapunkt zur Klangkulisse der Natur. Rasseln und Trommeln erzeugten Rhythmen. Hörner, Flöten und Lauten fügten Melodien hinzu. Zusammen mit der menschlichen Sprache entwickelte jede Kultur ihre ganz eigenen Klang- und Tonräume. Es entwickelte sich eine kulturelle Vorstellung von Wohlklang und Musik, also der harmonischen Beziehung von Tönen, bestehend aus Wiederholung, Kontrast, Variation, Kontinuität.

Bereits in der Antike stellten die Gelehrten fest, dass Musik ein akustisches Phänomen ist, das gleichermaßen von der Vernunft erfasst, wie auch sinnlich wahrgenommen werden kann. Wobei die Musik sich vom Krach nicht durch die physikalische Erzeugung, sondern durch das künstlerische Arrangement des akustischen Produkts unterscheidet. Dies mag eine sehr nüchterne Betrachtungsweise sein, erklärt aber, warum sich moderne Großstädter lieber mit über 85 dBA aus den Kopfhörern ihres Smartphones beschallen lassen, als den Geräuschpegel eines überfüllten U-Bahn-Abteils zu ertragen.

Stahlzungen, Walzen und Kämme

Aber lassen wir archaische Klangzeugen hinter uns, überspringen Minnesang und Oper und begeben uns in die Neuzeit – um genauer zu sein ins Jahr 1796. Antoine Favre-Salomon erfand in diesem Jahr die erste „musizierende Taschenuhr“, den Vorläufer der Spieluhr. Die Technik setzte sich in den kommenden Jahrzehnten durch und entwickelte sich weiter. Während die anderen mechanischen Musikinstrumente der Zeit Klangerzeuger besaßen, die auch in handgespielten Musikinstrumenten vorkamen (Glocken, Trommeln, Pfeifen, Seiten), handelt es sich bei den in Spieluhren oder Spieldosen verbauten Tonkämmen um einen speziell für mechanische Musikinstrumente konzipierten Klangerzeuger. Der Spielkamm wurde dabei immer raffinierter gearbeitet, um den Klang der Audioapparatur zu verbessern. Dies änderte aber nichts daran, dass eine Walze nur bis zu sechs Musikstücke spielte und das Gerät – wenn man genug davon hatte – ersetzt werden musste. Die Plattenspieldose behob dieses Problem. Ähnlich dem späteren Plattenspieler wurde die Lochplatte von einem Federwerk angetrieben und war austauschbar.

Die wohl bekanntesten Hersteller von Walzenspieldosen waren die Gebrüder Nicole. Sie produzierten von 1815 bis 1903 Spieldosen in besonders hoher Qualität und erzielen dank der Kammsignatur Nicole Frères bis heute Auktionshöchstgebote.

Neben den handlichen Spieluhren, die sich Bürgerliche ins Speisezimmer stellen konnten, bevölkerten teils schrankgroße Orchestrions die Salons der Hautevolee und die Hallen großer Hotels. Diese mechanischen Musikautomaten spielten ganze Symphonien mittels Pneumatik und Kardanwelle. Polyphone mit Münzeinwurf fanden sich nach der Weltausstellung in Paris um 1900 auch in Gaststätten zur Unterhaltung des zahlenden Publikums wieder. So wurde aus der Drehorgel des 15. Jahrhunderts mit der Industrialisierung ein mechanisches Orchester.

Eine vergessene Episode

Während das Pianola, ein selbstspielendes Klavier vergleichbar dem Tanzbären, uns heute nur noch aus Saloon-Szenen drittklassiger Western bekannt ist, gestaltete es gleichberechtigt mit dem Telefon die Nachmittage des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Im urbanen öffentlichen Raum, in sogenannten Hörräumen oder bei „Elektrizitätsausstellungen“, konnte sich der geneigte Zuhörer gegen eine kleine Gebühr über das Telefon Opern anhören, gebannt einem Konzert lauschen oder beschwingt zu Gesangseinlagen „aus dem Hörer“ das Tanzbein schwingen (mehr dazu). In den Übertragungspausen unterhielt das Pianola oder Orchestrion die Lauschenden. Zum Telefonieren im heutigen Sinne kam das Fernmeldegerät zu Beginn seiner Karriere selten zum Einsatz. Schließlich gab es keine flächendeckende Versorgung mit Geräten und dementsprechend wenige Gesprächspartner. Die Nutzung zur massenhaften Verbreitung von Wohlklang und Informationen lag da näher. Erst die Radiosender machten dem unterhaltsamen Rudel-Telefonieren und den mechanischen Musikinstrumenten ein Ende (mehr dazu).

Von Emil Berliner bis Paul M. Fuller

Während die Phonographen von Thomas A. Edison und Charles Cros mit kostspieligen Walzen arbeiten, wenn gleich auch viel raffinierter als die oben beschriebenen Spieldosen, gelang Emil Berliner der Durchbruch mit einer neuen Technik: dem Grammophon und der Schallplatte. Das normale Grammophon konnte für die Wiedergabe vervielfältigter Schallaufzeichnungen genutzt werden. Und das einfacher und kostgünstiger als mit den bisherigen Modellen. Ab 1892 war das System ausgereift und die serienweise Schallplatten-Vervielfältigung begann. 1904 revolutionierte das Unternehmen „International Talking Machine Co.“ unter der Marke Odeon die Industrie mit beidseitig bespielten Schellackplatten.

Die Blütezeit erlebte das Grammophon gegen Ende der 1920er-Jahre. Koffergrammophone machten die Schall-Reproduktion portabel. Allerdings setzte die mechanische Abnahme der Lautstärke klare Grenzen. Auch verstärkende Schränke, Gehäuse oder Koffer verhinderten nicht, dass sich die elektrische Abnahme durchsetzte und damit Vinyl über einen elektrischen Verstärker neue Klangerlebnisse schuf.

Ein optisches Denkmal setzte der Chefdesigner Paul M. Fuller dem Vinyl, als er für Rudolph Wurlitzer Company in den 40er Jahren die Jukebox entwickelte. Farbenfroh, chromverziert und einfach bedienbar wurden Wurlitzer Jukeboxen zum Dreh- und Angelpunkt einer Nachkriegsgeneration, die im Zuge des Rock’n’Rolls unabhängig vom tradierten Musikgeschmack wurde.

Tonbänder liefen preislich und vom Handling her in der Mitte des vergangen Jahrhunderts den Vinylplatten den Rang ab. Aber verschwunden sind sie bei weitem nicht. Musikkenner und Liebhaber jeglicher Couleur besitzen bis heute einen Schallplattenspieler oder investieren Unsummen in ein neues, zeitgenössisches Modell. Und zugegeben – der Klang ist einmalig und eine Plattensammlung die Zierde eines jeden Hipster-Heimes.

Lesen Sie auch: Teil 2 und Teil 3.

© 2015 Facit Media Efficiency